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(Januar 2011)

Das Potential der AntiRa-Bewegung

Bis zu 300 Aktive und Neu-Interessierte bei Frankfurter Konferenz

Die Zusammensetzung spiegelte nahezu die gesamte Breite der antirassistischen aktivistischen Bewegung wieder. Zudem nahmen nicht wenige Neu-Interessierte an der Konferenz teil, zu der das Netzwerk Welcome-to-Europe Mitte Dezember in die Main-Metropole eingeladen hatte. Nach vielfältigen Beiträgen und zum Teil sehr produktiven Workshops endete das Abschlussplenum in hochzufriedener Stimmung.

Vision, Vernetzung, Verbreiterung lautete das Motto der Einladung, zumindest die beiden letzteren V`s konnten bestens umgesetzt werden. Es lag viele Jahre zurück, dass Aktive aus den unterschiedlichen und häufig eher getrennt agierenden Netzwerken gemeinsam über Problemstellungen und Aktionspläne diskutiert haben. In Frankfurt rückten sie zusammen: von langjährigen kein mensch ist illegal- und Karawane-AktivistInnen bis zu Jugendlichen ohne Grenzen und kritischen ForscherInnen gegen das Grenzregime, von kämpfenden Flüchtlingen aus Lagern in Bayern und Thüringen bis zu medizinischen Flüchtlingshilfen und NGO-Professionellen im Migrationsbereich. Dazu kamen viele jüngere NeueinsteigerInnen, die mit und ohne eigene Gruppen Anschluss suchten. Knapp 250 Aktive haben sich am Austausch in den Workshops beteiligt.

Der Auftakt begann im übervollen Saal vor 300 Leuten mit einer historisierenden Vision, in der versucht wurde, die heutigen antirassistischen Kämpfe „auf den Schultern eines Giganten“ zu verorten. Im Hintergrund lief ein Loop mit Bildern der weißen und schwarzen AbolitionistInnen des 18. und 19. Jahrhunderts. Und einem Abriss des erfolgreichen Kampfes gegen die Sklaverei in den USA mit Ausführungen zur damaligen Underground Railway (1) folgte – überbrückt vom Kampf gegen die Apartheid in Südafrika – die Aufforderung zum Ausbau transeuropäischer Solidaritätsnetze für globale Bewegungsfreiheit heute. Der Beitrag bekam viel Aufmerksamkeit und provozierte jedenfalls Nachdenklichkeit und viele informelle Gespräche. Raum für eine kollektive Diskussion dieser doch gewagten Bezugnahme gab es im Rahmen der Konferenz aber nicht.

Kritisiert werden kann auch, dass in Frankfurt ansonsten wenig Visionäres geboten wurde, insbesondere fehlten Debatten zu migrationsübergreifenden Perspektiven. Bei der Thematisierung der Bamako-Karawane (2) oder auch bei der Vorstellung eines Stadtteilprojektes kamen zwar antikapitalistische Zusammenhänge zur Sprache. Doch eine naheliegende Kontextualisierung von Migrationsbewegung und aktuellen Prekarisierungs- oder Krisenprozessen blieb z.B. weitgehend ausgespart. Doch diese wie andere inhaltliche oder auch kulturelle Lücken waren vor allem dem zu kleinen Vorbereitungskreis geschuldet, der die Priorität zunächst auf Vernetzungs- und Kooperationsdynamiken setzte.

Mit 10 kurzen Bildervorträgen zu verschiedenen Projekten und Kampagnen gelang es gleich am ersten Abend, eine Atmosphäre der Vielfalt UND Gemeinsamkeit herzustellen, die auch die beiden folgenden Tage prägte. Einige Workshops begannen mit Anlaufschwierigkeiten, weil der Stand der Erfahrungen und entsprechende Bedürfnisse sehr unterschiedlich oder diese AGs zu wenig vorbereitet waren. Insgesamt überwog aber der produktive Austausch in den rund 20 Diskussionsrunden, die von Bilanzdebatten 13 Jahre nach dem Aufruf von kein mensch ist illegal über Problemstellungen in der Zusammenarbeit mit Gruppen in Marokko oder Mali bis zu praktischen Planungen der Anti-Lager-Initiativen reichte (3). Kampagnen gegen Frontex oder Dublin II diskutierten nächste Schritte, Beratungsgruppen und Infomobile verabredeten die Erstellung gemeinsamer Materialien, die Sammlung der verschiedenen Initiativen im Konferenzreader soll zu „Gelben Seiten“ der Antira-Bewegung weiterentwickelt werden.

Seit Jahren zeichnet die AntiRa-Bewegung eine beachtliche Kontinuität aus, und das gleichzeitig in lokal verankerten wie auch in transnational vernetzten Projekten. Von der Bleiberechtsdemo in Hamburg bis zu Solidaritätsbesuchen für Flüchtlinge in Calais, von Protesten am Abschiebe-Airport Baden Baden bis zum Nobordercamp auf Lesbos, vom Karawane-Festival in Jena bis zur geplanten Anti-Frontex-Aktion in Dakar – in Frankfurt wurde das Potential spürbar, das in dieser Vielfalt, in der Zusammensetzung, den Kontakten und Querverbindungen liegt. Zu Recht wurde darauf verzichtet, zu schnell einen Bündelungspunkt zu suchen und für 2011 eine große gemeinsame Mobilisierung ins Auge zu fassen. Die Stimmung beim Abschlussplenum war aber eindeutig optimistisch und von gemeinsamem Tatendrang geprägt: Verdichtung der Netzwerkprozesse, verbindlichere Kommunikation und Kooperation, und Ende 2011 in einer Folgekonferenz nächste Schritte anpacken.

h., kein mensch ist illegal/Hanau

Anmerkungen:

1. Fluchthilfenetzwerk für entflohene Sklaven – der gesamte Beitrag zu Abolitionismus und Bewegungsfreiheit (in 3 Sprachen) sowie weitere Materialien finden sich auf der Konferenz-Website: http://conference.w2eu.net

2. siehe Artikel zur Buskarawane von Bamako nach Dakar im letzten AK

3. Für den 22. März ist ein dezentraler Lageraktionstag in Planung, aufbauend auf anhaltenden Protesten von Flüchtlingen in mehreren Bundesländern in den letzten Monaten.